Anorexia nervosa

Anorexia nervosa ist eine Essstörung, die mehrere typische Merkmale hat:

–        erhebliche, selbst herbeigeführte Gewichtsabnahme

–        vermeiden kalorienreicher Speisen und

–        selbstherbeigeführtes Erbrechen ( i. d. R. heimlich und wird bestritten) und/ oder

–        selbstherbeigeführtes Abführen und/ oder

–        Einnahme von Appetitzüglern

–        gestörte Eigenwahrnehmung

–        deutliche Selbstwahrnehmungsstörung (zeichnen sich selber z. B. sehr dick, obwohl sie nur noch aus Haut und Knochen bestehen)

–        ständiges sich im Spiegel betrachten

–        fehlendes Krankheitsbewusstsein

–        betrifft zu 90 % Mädchen/ Frauen im (Vor-) Pubertätsalter (Ausbruch zwischen 14. und 18. Lebensjahr)

–        Anteil der betroffenen Männer nimmt zu

–        oft Amenorrhö (Ausbleiben der Menstruation)

–        intensive Beschäftigung mit dem Thema Nahrung (z. B. Rezepte sammeln, Kalorientabelle auswendig lernen,…)

–        häufig sind betroffene sehr intelligent, und evtl. auch übermäßig Leistungsorientiert (z. B. im Sport)

–        Austricksen der Ärzte/ Therapeuten (z. B. vor dem wiegen viel Wasser trinken)

Ursachen die zu einer Anorexia nervosa führen können:

–        Ablehnung von Sexualität und Erwachsensein

–        starke Probleme bei der Ablösung vom Elternhaus (Eltern behüten stark und lassen kaum Selbstständigkeit zu)

–        übertriebener Wunsch dem Schlankheitsideal zu entsprechen (diese Ursache ist i. d. R. falsch)

Bei der Entstehung der Anorexie wirken verschiedene Faktoren zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen. In der Graphik sind diese Einflüsse zusätzlich visuell dargestellt.

Biologische Einflüsse:

Man vermutet, dass bei vielen anorektischen Patientinnen eine Störung derjenigen Hirnregion vorliegt, die der Steuerung des Essverhaltens, der sexueller Aktivität und der Menstruation dient. Es ist allerdings auch möglich, dass die Funktionsstörung dieser Hirnregion erst im Laufe der Erkrankung, z.B. als Folge des Gewichtsverlustes, auftritt und zur Aufrechterhaltung der Störung beiträgt, aber nicht ihre eigentliche Ursache ist. Für eine biologische Verursachung der Magersucht sprechen jedoch Untersuchungen, die zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der eineiige Zwilling von einer anorektischen Patientin ebenfalls an Magersucht leidet, etwa 50% beträgt. Bei zweieiigen Zwillingen liegt diese Wahrscheinlichkeit bei unter 10%. Diese Ergebnisse belegen, dass eine genetische Veranlagung an der Entstehung der Anorexie beteiligt ist.

Psychologische Einflüsse:

Die Tatsache, dass Anorexie besonders häufig während der schwierigen Entwicklungsphase der Pubertät beginnt, hat zu der Ansicht geführt, dass die Erkrankung auftritt, wenn die junge Frau sich von der Bewältigung der alterstypischen Anforderungen überfordert fühlt. Während der Pubertät entwickelt sich das Mädchen zur Frau und muss eine entsprechende neue Identität finden. Fühlt sich die Betroffene davon überfordert, entsteht ein tiefes Gefühl der Unsicherheit. Für viele Patientinnen scheint der Versuch, Kontrolle über ihr Körpergewicht ausüben zu können, ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Das Körpergewicht wird eine wichtige Quelle für ihr Selbstwertgefühl. In den Familien anorektischer Patientinnen sind häufig bestimmte Verhaltensmuster festgestellt worden. Die Patientinnen werden oft von ihren Eltern stark behütet, d.h. dass auch in der Familie nicht angemessen auf die Entwicklung des Kindes zur Frau reagiert wird. Ebenso scheinen Konflikte in der Familie in vielen Fällen nicht angesprochen zu werden. Allerdings handelt es sich bei diesen Feststellungen um reine Beschreibungen typischer familiärer Verhaltensmuster; es ist durchaus möglich, dass diese nicht die Ursache, sondern die Folge der Erkrankung sind. Das Krankheitsbild der Anorexie ist gerade für die Eltern sehr besorgniserregend, was dazu führen kann, dass sie ihr Kind schützen und von Konflikten fernhalten möchten.

Gesellschaftliche Einflüsse:

In westlichen Gesellschaften hat sich das Schönheitsideal seit Anfang der 60er Jahre immer mehr in Richtung eines sehr schlanken Körpers entwickelt. Paradoxerweise ist es auf der anderen Seite durch relativen Wohlstand und ein Nahrungsüberangebot gleichzeitig zu einem Anstieg des Durchschnittsgewichts gekommen. Übergewicht wird insbesondere bei Frauen gesellschaftlich sehr negativ bewertet. Übergewichtige Männer werden als stattlich bezeichnet, Frauen hingegen als fett. Durch Werbung und Filme erhält man den Eindruck, dass nur schlanke Frauen erfolgreich und beliebt sind, dicke Frauen sind entweder graue Mäuse oder “Ulknudeln”. Gerade junge Frauen, die während der Pubertät körperliche Veränderungen durchlaufen und erst ein Gefühl für ihren “neuen” Körper entwickeln müssen, können durch dieses Schlankheitsideal stark verunsichert werden.

Typische Familiensituation:

–        Familie wirkt nach außen sehr harmonisch

–        Familie hat oft wenig Nachbar- und Freundeskontakte

–        Eltern signalisieren dem Jugendlichen, dass erwartet wird, dass er/ sie bei der Familie bleibt

Aus der Familiensituation entstehende Probleme für den Betroffenen:

Es entsteht ein Druck auf den Betroffenen, der sich nicht von seiner Familie lösen kann. Die Krankheit wird nun als Machtmittel unbewusst eingesetzt.

In einigen Fällen spielt auch eine stark religiöse, sexualfeindliche Erziehung eine Rolle.

Therapie

Die Therapie der Anorexie ist in zwei Abschnitte unterteilt. Vordringlichstes Anliegen ist zunächst eine Gewichtszunahme, um den körperlichen Folgeschäden entgegenzuwirken. Insbesondere wenn das Körpergewicht unter 75% des Normalgewichts liegt, die körperliche Verfassung lebensbedrohlich ist oder aufgrund der depressiven Verstimmung Selbstmordgefahr besteht, sollte die Behandlung zunächst im Krankenhaus stattfinden.

Da bei anorektischen Patientinnen oft nur wenig Einsicht hinsichtlich der Schwere ihrer Erkrankung besteht, müssen bei körperlicher Lebensbedrohung oft zunächst Nährstoffe durch Infusion zugeführt werden. So bald wie möglich sollten die Betroffenen die Verantwortung für ihre Gewichtszunahme aber selbst übernehmen. Dabei kann es sinnvoll sein, bestimmte Belohnungen abzusprechen, die sie für Erfolge bei der Ernährungsumstellung erhalten.

Langfristig kann eine Normalisierung des Gewichts jedoch nur erreicht werden, wenn auch die Ursachen der Anorexie behandelt werden. Aufgrund der Vielfalt der Faktoren, die an der Entstehung der Störung beteiligt sind, umfasst die Therapie verschiedene Komponenten:

In der Therapie sollen die Patientinnen die Richtigkeit ihrer Vorstellungen zur Bedeutung von Gewicht und Figur überprüfen. So soll z.B. eine Betroffene hinterfragen, ob Schlankheit tatsächlich mit beruflichem und privatem Erfolg im Zusammenhang steht. Hat man auf diesem Weg herausgefunden, was die Patientin sich vom Schlanksein erhofft, kann mit ihr besprochen werden, auf welche andere Weise sie diese Ziele erreichen kann. Sie lernt, dass ihr Selbstwertgefühl nicht allein von ihrem Gewicht abhängt.

In der körperorientierten Therapiesollen die Betroffene ein besseres Gefühl für ihren Körper bekommen, so dass sie auf ihre Körpersignale (z.B. Hunger) angemessen reagieren und ihren Körperumfang realistisch einschätzen können.

Generell soll mit anorektischen Frauen die Bewältigung von Problemengeübt werden. Dabei werden gemeinsam mit der Patientin verschiedene Lösungsalternativen entwickelt, die sie bei alltäglichen Schwierigkeiten anwenden kann, bei denen sie sonst auf ihr gestörtes Essverhalten als Mittel der Bewältigung zurückgegriffen hat.

Die familienorientierte Therapiewird insbesondere bei jüngeren AnorektikerInnen eingesetzt, die noch in ihrer Familie wohnen. Dabei soll die Familie darauf hingewiesen werden, wie sie auf das gestörte Essverhalten der Patientin reagiert. In diesem Zusammenhang kann es hilfreich sein, wenn der Therapeut an Mahlzeiten in der Familie teilnimmt. Manchmal beschäftigen die Familienmitglieder sich so stark mit der Anorexie, dass sie sich um andere Probleme nicht mehr kümmern können oder wollen. Die Betroffene erhält auf diese Weise die ungeteilte Aufmerksamkeit, und die Familienmitglieder müssen sich nicht mit sich und ihren eigenen Konflikten beschäftigen. Wird diese Reaktionsweise, die zu der Aufrechterhaltung der Störung beitragen kann, unterbrochen, tritt häufig eine Besserung ein. Gerade die Eltern erleben es meist als sehr erleichternd, wenn sie im Umgang mit der Erkrankung ihres Kindes von einem Therapeuten unterstützt werden.

Probleme bei der Therapie von Anorexia nervosa Patienten:

Der Arzt oder Therapeut wird stark abgelehnt und so wird eine Zusammenarbeit unmöglich. Dies resultiert daraus, dass der Betroffene keine Krankheitseinsicht hat und sich sein Machtmittel nicht nehmen lassen will.

Ist der Betroffene Volljährig, so wird es in den meisten Fällen fast unmöglich den Betroffenen zu einer ärztlichen Behandlung zu bewegen. Diese ist jedoch dringend notwendig auf Grund der Lebensbedrohlichen Situation.

5 bis 10 % der Patienten überleben diese Krankheit nicht. Nur 50 % der Bertoffenen gelangen zu einem normalen Essverhalten zurück.

Häufig steht am Beginn der Therapie eine Sondenernährung, da die Betroffenen schon so stark abgemagert sind, dass dies lebensbedrohlich ist. In den meisten Fällen wäre eine Familientherapie sinnvoll, doch die Familien sind für eine therapeutische Arbeit oft nicht bereit.

Neben vielen biochemischen Veränderungen des Körpers (Körperorgane werden stark geschädigt) tritt oft auch eine depressive Stimmung beim Patienten ein. Auf Grund der erheblichen körperlichen Belastungen muss meistens eine spezielle Diät verordnet werden.

Rückfälle werden vor dem Arzt geheimgehalten und verborgen (z. B. durch besonders dicke oder weite Kleidung, oder durch viel Wasser trinken vor dem wiegen).

Häufig wird als Therapie die „paradoxe Intervention eingesetzt“, die im Folgendem erklärt wird.

Paradoxe Interventionen (widersinnig, unlogische Maßnahme):

Diese Therapie wird häufig eingesetzt, wenn der Therapeut von einem Machtkampf gegen die Eltern ausgeht. Dieser Machtkampf wird auf den Therapeuten übertragen, da dieser ja das Ziel hat dem Patienten das Machtmittel zu nehmen. Diese Erkenntnis macht sich der Therapeut zu Nutzen:

Der Therapeut gibt der Patient eine Aufgabe (z. B.: „Essen sie in Zukunft nicht mehr als sie es in den letzten Tagen getan haben.“) und hofft nun, dass der Patient das Gegenteil tut und wieder mehr Nahrung zu sich nimmt. Der Patient behält so für sich sein Machtmittel, indem er genau das Gegenteil von dem tut, was verlangt wird.

Prognose

Nach einer Behandlung zeigt sich bei etwa 30% der Patientinnen eine vollständige Besserung, d.h. sie erreichen zumindest annähernd das Normalgewicht und haben regelmäßig ihre Menstruation. Bei 35% lässt sich zwar eine Gewichtszunahme feststellen, der Bereich des Normalgewichts wird allerdings nicht erreicht. Das Krankheitsbild bleibt bei ca. 25% der Betroffenen chronisch bestehen. Etwa 10% sterben infolge der Anorexie. Auch nach einer Gewichtsnormalisierung hält bei vielen Betroffenen die verzerrte Einstellung zu Gewicht und Figur an. Generell sind die Besserungschancen aussichtsreicher, wenn die Erkrankung früh begonnen hat. Bei einem sehr frühen Beginn vor dem 11. Lebensjahr ist die Voraussage dagegen deutlich schlechter.

Bulimie/ Bulimia nervosa/ Eß- Brech- Sucht                              nach oben

Die Bulimie ist gekennzeichnet durch Heißhungerattacken. In schweren Fällen nehmen die Patienten eine bis zur 20fachen Mengen des normalen Nahrungsverbrauchs zu sich.

Die Betroffenen versuchen durch Abführmittel und/ oder selbstherbeigeführtem Erbrechen ein Zunehmen zu verhindern.

Im Unterschied zur Anorexia nervosa wissen die Bulimie  Patienten das ihr Verhalten falsch ist, haben also eine Krankheitseinsicht. Oft waren sie zuvor jedoch an Anorexia nervosa erkrankt (ca. 1/3 der Patienten).

In der Regel tritt die Bulimie in der Übergangszeit vom Jugend- in das Erwachsenenalter erstmals auf.

Binge Eating Disorder                            nach oben

Die Binge-Eating-Disorder (BES: Disorder=Störung) ist ein relativ neuer Krankheitsbegriff, der in den USA entwickelt wurde und nun auch bei uns zunehmend Beachtung findet. “Binge-Eating” lässt sich am einfachsten mit dem Wort “Essattacke” übersetzen.

Die BES gehört zu der Gruppe der Essstörungen. Die Betroffenen konsumieren innerhalb von kurzer Zeit ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln.

Dabei können sie nicht kontrollieren, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören müssen. Der ganze Kühlschrank wird in einem Anfall von Heißhunger quasi leer gegessen.

Die BES betrifft etwa 2 % der Bevölkerung und ist damit die häufigste Essstörung. Unter den Übergewichtigen leiden ca. 5 % an der BES. Anders als bei der Magersucht oder der Bulimie sind von der BES auch viele Männer betroffen, und zwar etwa 35% der Patienten.

Allgemeines

Der Begriff der “Binge-Eating-Disorder” wurde erstmals 1959 geprägt. Als eigenständige Diagnose gibt es ihn in den USA erst seit 1994.

Das Wort “Binge” wird in der englischen Sprache im Zusammenhang mit exzessiven Trinken gebraucht, so dass “Binge-Eating” auch “Essen wie ein Besäufnis” bedeuten kann. Dies sagt bereits viel über die Natur der Störung aus und deutet ihre Nähe zu den Suchterkrankungen an.

Eine BES liegt dann vor, wenn wenigstens an zwei Tagen in der Woche Essattacken (Binge-Eating) auftreten und dies über einen Zeitraum von sechs Monaten. Eine Essattacke ist dadurch definiert, dass innerhalb von Minuten bis zwei Stunden ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln konsumiert werden. Dabei können die Betroffenen nicht kontrollieren, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören müssen.

Außerdem müssen wenigstens drei der folgenden Punkte zu treffen:

Besonders schnelles Essen.

Essen bis ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt.

Essen, ohne hungrig zu sein.

Aufgrund von Gefühlen der Schuld, Scham oder Peinlichkeit wird allein gegessen.

Nach der Essattacke treten Gefühle von Ekel, Schuld oder Depressionen auf.

Die Essattacken werden als belastend empfunden.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung zur Bulimie, der sogenannten “Fress- und Kotzsucht”. Bei dieser Essstörung treten ebenfalls Essattacken auf. An Bulimie Erkrankte versuchen aber typischerweise durch drastische Maßnahmen zu verhindern, dass die aufgenommene Nahrungsmenge zu einer Gewichtszunahme führt und zwar durch:

Selbst ausgelöstes Erbrechen.

Fasten.

Übermäßige körperliche Anstrengung zum Verbrennen der Kalorien.

Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmedikamenten.

Diese Verhaltensweisen treten bei der BES nicht auf.

Auch das Essverhalten eines typischen Übergewichtigen unterscheidet sich von dem BES-Patienten: es ist geprägt von einem ständigen Überessen. Die für die BES typischen Heißhungerattacken mit dem Verlust von Selbstkontrolle kommen bei “nur” Übergewichtigen nicht vor.

Der Leidensweg der Betroffenen ähnelt dem eines alkoholkranken Menschen.

Die Menschen, die unter derartigen Essattacken leiden, schämen sich oft dafür. Wenn der Heißhungeranfall gestillt ist, treten depressive Gefühle auf. Oft wird dann versucht, weitere Essattacken zu unterdrücken, um wieder Selbstkontrolle über das eigene Essverhalten zu erlangen. Wenn dies scheitert, ziehen die Betroffenen sich häufig zurück und leben ihre Essattacken im Verborgenen aus. Dabei sind viele so geschickt, dass selbst nahe Freunde oder Familienangehörige nichts von der Essstörung erfahren.

Der Alkoholkranke fällt der Umwelt bald durch die Alkoholfahne auf, der “Heißhungeresser” kann seine Sucht meist besser verstecken.

Die unkontrollierbaren Essanfälle können auch dazu führen, dass Betroffene nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule gehen und ein soziales Abseits droht.

Im anglo-amerikanischen Raum gibt es neben den Anonymen Alkoholiker-Gruppen auch die “Overeaters Anonymous”. Sie gehen davon aus, dass Nahrung genauso Abhängigkeit erzeugen kann wie Alkohol oder andere Drogen. Sie arbeiten mit einem ähnlichen 12-Punkte-Programm wie die Alkoholiker-Gruppen.

Essstörungen haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die von BES Betroffenen berichten oft über lang andauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und haben bereits mehrere Diätversuche hinter sich. Auch Modetrends, Schlankheitswahn und Überfluss an Nahrungsmitteln scheinen auf die Störung Einfluss zu haben und lassen sie so zu einer weiteren Zivilisationskrankheit werden.

Häufigkeit

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden an der BES. Zwei von fünf BES-Patienten sind Männer.

Viele der Betroffenen sind übergewichtig, aber nicht alle. Unabhängig von ihrem Gewicht fühlen sich BES-Patienten häufig übergewichtig und haben in der Vergangenheit bereits mehrere Versuche gemacht, mit Hilfe von Diäten ab zu nehmen. Der Beginn der BES steht oft im Zusammenhang mit Diät-Versuchen, meist in der Zeit des frühen Erwachsenenalters. Forschungen haben ergeben, dass die Essattacken häufig in Zeiten von nervlicher Belastung auftreten.

Ursachen

Niemand weiß genau, wodurch die BES letztendlich verursacht wird. Es ist aber bekannt, dass etwa die Hälfte der Betroffenen in der Vergangenheit einmal depressiv gewesen sind. Ob eine Depression die BES erzeugt oder vielleicht die BES Teil eine Depression ist, ist nicht bekannt.

Die Patienten berichten oft, dass Gefühle von Ärger, Frustration oder Langeweile zu einer Essattacke führen. Es wird vermutet, dass unangenehme Empfindungen durch den Essvorgang auf angenehme Empfindungen umgelenkt werden. Essen ist dabei ein Symbol für Liebe und Geborgenheit. Dies lernt wahrscheinlich bereits das neugeborene Kind, wenn es die ersten Glücksgefühle beim Stillen erfährt. Später wird das Kind mit Süßigkeiten getröstet, wenn es enttäuscht worden ist.

Studien haben ergeben, dass Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten manchmal unfähig sind, Hunger von anderen unbehaglichen Gefühlszuständen zu unterscheiden. Auch mögliche Zusammenhänge zwischen Diätversuchen und Essattacken sind noch ungeklärt. Die Wissenschaft versucht zu erforschen, wie Botenstoffe im Gehirn von der BES beeinflusst werden, aber diese Untersuchungen sind noch in Anfangsstadien.

Diagnose

Eine Diagnose ergibt sich durch intensives Befragen der Patienten und auf Grund der bestehenden Symptome.

Therapie und Prognose

Die BES ist mit guten Erfolgsaussichten zu behandeln. Einer der Gründe dafür ist, dass sich bei dieser Essstörung das krankhafte Verhalten sehr gut von gesunden Verhaltenszügen abgrenzen lässt.

Die Behandlung der Binge-Eating-Störung hat zwei Ziele:

Normalisierung des Essverhaltens.

Behandlung der zugrunde liegenden seelischen Konflikte.

Die verhaltenstherapeutische Behandlung der BES ähnelt den Behandlungsstrategien, die für die Fress- und Kotzsucht (Bulimie) entwickelt worden sind. Das Ziel ist dabei, das Essverhalten zu normalisieren und den Essrhythmus zu regulieren. Oft wird dazu ein Tagebuch über die gegessene Nahrungsmenge geführt. Das hilft, um Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten herauszufinden, die zu Essattacken führen.

Verhaltenstherapeutische Strategien können dann helfen, eine vermehrte Selbstkontrolle zu gewinnen. Außerdem werden Bewältigungsstrategien für Stressfaktoren, die zu Essattacken führen, erarbeitet.

Gelegentlich wird dies Vorgehen mit psychodynamischen Therapieansätzen kombiniert. Hier wird vor allem untersucht, welche Konflikte und Belastungen sich hinter der Störung verstecken und welchen Stellenwert diese in der eigenen Lebensgeschichte haben. Amerikanische Untersuchungen deuten darauf hin, dass antidepressive Medikamente die Behandlung einer BES unterstützen können.

Da Gefühle der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körpergewicht zur BES scheinbar beitragen, beinhalten die Behandlungsansätze meist keine Diäten. Im Gegenteil sollen bei dem Ziel, wieder Kontrolle über das Essen zu erlangen, jegliche Versuche der Gewichtsabnahme unterlassen werden.

Solche Therapieverfahren berücksichtigen die negative Selbsteinschätzung des eigenen Körpers und Aussehens, die viele Betroffene haben. Es wird versucht, ihnen zu helfen, das bestehende Gewicht zu akzeptieren und sich gut im eigenen Körper zu fühlen. Eine Gewichtsabnahme soll sich dann durch das normalisierte Essverhalten von selbst einstellen.

Die Behandlung der BES kann ergänzt werden durch Unterricht in Ernährungslehre und durch die Förderung einer angemessenen körperlichen Aktivität.

Menschen, die vermuten, dass sie unter einer BES leiden, sollten wissen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Oft sind Selbstheilungsversuche, das Essverhalten zu kontrollieren, gescheitert. Die Betroffenen sollten sich unbedingt professionelle Hilfe über einen Arzt oder Psychotherapeuten holen. Da das Krankheitsbild bisher noch wenig bekannt ist, kann es passieren, dass die Schwierigkeiten der Betroffenen nicht ernst genug genommen werden. Es ist daher günstig, früh Kontakt mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen aufzunehmen.

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